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POSTCARDS - After The Fire, Before The End
Bereits das Debüt I‘ll be here in the morning der Dream-Pop-Formation Postcards hat 2018 zu begeistern gewusst. Entrückung war es, das Ringen um einen weltflüchtigen Moment des Innehaltens, was die erste Platte prägte. Keine vier Jahre später trifft eine von den Ereignissen im Heimatland existentiell durchgeschüttelte Band auf eine Welt im Corona-Ausnahmezustand. Das neue Album After the Fire, Before the End versucht gar nicht mehr, Augenblicke der Seelenruhe heraufzubeschwören. Stattdessen umarmt das neue Album die Allgegenwärtigkeit der Krise, beschwört ein Leiden, freilich ohne in Selbstmitleid aufzugehen.
Wie nur mögen sie sich anfühlen, Sehnsucht und Liebe, Wehmut und Existenzangst, wenn sie eben nicht in der relativen Sicherheit einer westlichen Demokratie empfunden und erlebt werden? Die Explosionskatastrophe, die sich im August 2020 im Hafen von Beirut ereignet hat, hat den Libanon wieder kurz ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gebracht. Dysfunktional ist das Land allerdings schon lange.
Nochmals in der Erinnerung an einen gerade durch seinen Müßiggang unvergesslichen Sommertag schwelgen, das scheint die Intention des verträumt verhallten Tracks „Summer“ zu sein. Doch spätestens wenn geradezu beiläufig davon erzählt wird, dass Soldaten das Sonnenbad am Dach beobachten, bekommt die idyllische Kulisse Risse. Die introspektiven, bittersüßen Lyrics werden oft um eine gesellschaftliche, politische Dimension bereichert. Ungewissheit und Sorge um die Zukunft sind die prägenden Grundstimmungen der Platte. In einem durch die Pandemie ohnehin erschütterten Europa trifft After the Fire, Before the End womöglich gerade deshalb einen Nerv.
“Mother Tongue“ mit einer nervösen Basslinie und eruptiven Gitarren fängt viel von der Atmosphäre ein, die Beirut in diesen Tagen dominiert. Es gerät zur Abrechnung mit der Heimatstadt, der längst jede Geborgenheit abhandengekommen ist. „Home is so Sad“ etwa beklagt die Wunden am eigenen Körper, betrauert den Verlust jedweder Sicherheit. Musikalisch wird die narbige Wehmut der Ballade von einem wie von Sinnen hämmernden Schlagzeug konterkariert. Diesem Antrommeln gegen allen Schmerz springt zum Ende hin noch eine verzerrte Gitarre bei. „Red“ besticht als Liebeserklärung, dessen Zeilen „Let‘s get married pack up and leave / there‘s a fire in the sky / I try to close my eyes / I‘m tired“ weniger vor Romantik als vor Erschöpfung strotzen. Julia Sabra, die für Gesang und Lyrics verantwortlich zeichnet, gelingt stets der Spagat zwischen ätherischer Schönheit und emotionaler Abgekämpftheit. So auch bei dem Song „Sea Change“, der sich an einen Funken Hoffnung auf Normalität klammert, nur um letztlich in Resignation zu münden. „January“ mit seinen Lyrics „Grief to grow old with / grief as an end / grief as a neighbor / grief as a friend“ traut sich, ganz und gar traurig zu sein. Sabra zählt zu den charakteristischen Stimmen der neuen Dream-Pop-Generation. Ihr Vortrag vereint Beklemmung und Reflexion scheinbar mühelos. Kein Kniff scheint ihr fremd. Den vermeintlichen Abgesang „If I Die“ gestaltet sie zur Hymne, deren Essenz „There is nothing left under the sun/ houses stand like tombs/ bodies back in wombs / The is nothing left but sun / Bury me in light“ erlösende Endzeitstimmung verbreitet.
Es ist den Postcards, namentlich Julia Sabra, Marwan Tohme (Gitarre) und Pascal Semerdjian (Drums), nur zu wünschen, dass die Entwicklung im Libanon irgendwann auch wieder Anlass zu Optimismus gibt. Bis dahin darf After the Fire, Before the End jedoch als Musik gewordener Ausdruck existentieller Schwere genossen werden. Den betörenden Klängen, die mal schwelgen und nicht selten in bester Shoegaze-Manier anschwellen, wohnt die Kraft der Daseinsbewältigung inne. Kein Zweifel, in einer Welt, die nicht weiß, wo ihr der Kopf steht, ist die reflektierte Wehklage wahrscheinlich die beste Option, um nicht kopflos zu werden.
Besetzung
Postcards
Titel
Seite A Seite B
1. Mother Tongue 4:19 Flowers In Your Hair 4:34
2. Home Is So Sad 3:20 Red 5:00
3. Sea Change 3:51 January 3:04
4. Summer 4:18 If I Die 3:48
5. Bruises 2:51
Technik
Producer, Engineer - Fadi Tabbal